Rede des Botschafters Neithart Höfer-Wissing zum Tag der Deutschen Einheit

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Sehr geehrter Herr Minister, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Landsleute, meine sehr verehrten Damen und Herren,

 auch im Namen meiner Kolleginnen und Kollegen an der Deutschen Botschaft danke ich Ihnen sehr dafür, daß Sie heute abend gekommen sind, um mit uns den 27. Jahrestag der Vereinigung Deutschlands zu feiern.

Am 3.Oktober 1990 vereinten sich zwei Staaten im Herzen Europas auf friedliche Weise und mit der Zustimmung aller Nachbarn in Europa und der gesamten internationalen Gemeinschaft. Die Friedensordnung in Europa und der Welt erschien nach dem Ende des Kalten Krieges gesichert, der Welt stand ein gemeinsamer Weg in eine hoffnungsvolle Zukunft mit wirtschaftlichem Wohlergehen und Freiheit von Not und Zwang für immer mehr Menschen bevor. So schien es. Man schrieb sogar vom „Ende der Geschichte“. Aber die bösen Geister der Vergangenheit kehrten sehr schnell zurück – ich mußte das damals leider in Jugoslawien miterleben. Nationale und zunehmend auch religiöse Gegensätze haben sich, auch gegenseitig, immer mehr verstärkt und bekommen starken Zulauf. Irrationaler Populismus nimmt immer mehr Länder in den Griff und verstärkt Tendenzen zur Ausgrenzung der jeweils anderen. Wir mußten das an vielen Orten in der Welt und auf allen Kontinenten erleben. Es gibt sogar Leute, die die These vertreten haben, die Europäische Union sei eine Fortsetzung der napoleonischen und später der nationalsozialistischen Aggressionspolitik – anstatt zu begreifen, daß es sich bei der Europäischen Union genau um eine Antwort auf diese unseligen Aggressionen handelt und damit um die bisher größte und erfolgreichste Friedensbewegung, die nicht umsonst mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Wir sollten uns darüber im Klaren sein, daß die Entwicklungen, die wir gerade seit etwa 2014 erleben, wohl gefährlicher sind als der Kalte Krieg. Denn die damals verantwortlichen Vorkämpfer der Ideologien waren klug genug zu wissen, wann sie einen Kompromiß suchen mußten, um sich nicht selbst zu schädigen. Populistische Politiker, die nationalistische Parolen zum Machterhalt benutzen, können von dem selbst gesattelten Tiger nicht mehr absteigen und irgendwann nicht mehr zurückweichen – und wenn es zum Äußersten kommt, gibt es keine Garantie, daß nicht auch die verheerendsten Waffen angewandt werden.

Leider haben die Bundestagswahlen vor zwei Wochen gezeigt, daß auch manche meiner Landsleute bei diesem unseligen Spiel mitmachen wollen. Politiker und Bürger haben sich zu weit voneinander entfernt. Wir können nur hoffen, daß alle das Signal des 24. September gehört haben und es auch richtig verstehen. Wir dürfen uns nicht abschrecken lassen, sondern zum Beispiel die Worte des Präsidenten der Französischen Republik, Emmanuel Macron, beherzigen, der vor wenigen Tagen an der Sorbonne erklärt hat, er kenne keine roten Linien, sondern Horizonte.

Eine Entwicklung hin zu mehr Zusammenarbeit, wie sie Macron für Europa fordert, nehme ich auch in Zentralasien wahr, wo es seit dem vergangenen Jahr ganz erhebliche Fortschritte in der gutnachbarschaftlichen Zusammenarbeit gegeben hat. Wir Deutschen hoffen sehr, daß diese positiven Entwicklungen sich verstetigen. Die Bundesrepublik Deutschland ist dazu bereit, die Länder Zentralasiens und ihre Regierungen bei diesen Bemühungen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Lassen wir uns von dem großen Saadi leiten:

„Die Menschenkinder sind ja alle Brüder,

aus einem Stoff wie eines Leibes Glieder!

Hat Krankheit nur ein einz’ges Glied erfaßt,

bleibt andern weder Ruh noch Rast.“

Bani odaam ajzoe jekpekarand

Ke dar orfarinesch ze jek gocharand.

Tscho osvi be dard owarad ruzegor,

Degar ozvhoro namonad geror Bild vergrößern

Auch jede vorstellbare künftige Bundesregierung wird an der bisherigen deutschen Zentralasienpolitik festhalten und diese auch im Rahmen der 2007 unter deutscher Präsidentschaft begonnenen Zentralasienstrategie der Europäischen Union fortführen.

In diesem Jahr hat die Republik Tadschikistan den 26. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit gefeiert und konnte auch den zwanzigsten Jahrestag der Beendigung des Bürgerkriegs begehen. Deutschland, das ebenfalls vor einem Vierteljahrhundert diplomatische Beziehungen zu Tadschikistan aufgenommen hat, hat seit der Unabhängigkeit dieses Land u.a. mit mehr als einer halben Milliarde Euro Entwicklungshilfe unterstützt. Auch im multilateralen Bereich ist die Bundesrepublik Deutschland einer der größten Geber. Dazu zählt z.B. die Fertigstellung von ca. 80 Schulen in der Provinz Hatlon und im Rascht-Tal, die von der Kreditanstalt für Wiederaufbau zusammen mit dem National Social Investment Fund of Tajikistan (NSIFT) ermöglicht wurde. Ebenfalls in Hatlon unterstützt die KfW im Gesundheitssektor z.B. die Rehabilitierung von Krankenhäusern.

Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ) bildet Schwerpunkte u.a. in der Entwicklung der Privatwirtschaft, bei der Fachkräfte-Ausbildung im medizinischen Bereich und in der Berufsbildung. Bildung und Ausbildung überhaupt sind wohl die wichtigsten Mittel zur Bekämpfung extremistischer Tendenzen. Deshalb bin ich besonders froh darüber, daß der Deutsche Akademische Austauschdienst jährlich mehr als 100 Stipendien an Wissenschaftler und Studierende vergibt. Erfreulich ist auch das Interesse an der deutschen Sprache, wie es in fünf Partnerschaftsschulen gepflegt wird. Wir hoffen und sind dazu bereit, die Zusammenarbeit im Bildungsbereich weiter auszubauen, auch mit Hilfe des Deutschen Volkshochschulverbands International (dvv). Weitere Organisationen, die in der Entwicklungszusammenarbeit tätig sind, sind z.B. die Welthungerhilfe, die Caritas oder die Sparkassenstiftung.

Bald werden wir, wenn alles klappt und keine organisatorischen Probleme auftreten, die Fertigstellung eines Projektes der regionalen Zusammenarbeit mit Afghanistan im Bereich der Energieversorgung für die ländliche Bevölkerung Energieversorgung in Gornij Badachschan feiern können, an dem Deutschland über die Patrip-Stiftung beteiligt ist, zusammen mit anderen internationalen Gebern wie Norwegen, Luxemburg und der Aga Khan-Stiftung. Hier ist die vorzüglich arbeitende Pamir Energy ein zuverlässiger Partner.

Die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Tadschikistan ist gut, aber sie kann natürlich noch besser werden. Die Aufbruchstimmung, die ich hier in vielen Gesprächen verspürt habe, weckt in mir die feste Überzeugung, daß wir zusammen viel erreichen werden. Gerade vor zwei Tagen konnte ich bei der Gründungssitzung des Revolvierenden Fonds dabei sein, eine wichtige Etappe in der deutsch-tadschikischen Finanziellen Zusammenarbeit. So sehe ich es auch als ein gutes Zeichen, daß wir heute abend unter uns drei Kollegen aus dem tadschikischen Außenministerium bei uns haben, die gerade erst von einem Diplomatenausbildungskurs für Teilnehmer aus Zentralasien aus Berlin heimgekehrt sind.

Meine Damen und Herren,

als neuer Botschafter der Bundesrepublik Deutschland fühle ich mich hier sehr gut aufgenommen, nicht nur von meinen neuen Kolleginnen und Kollegen in der Botschaft, die auch diese Feier großartig vorbereitet haben, sondern auch von vielen tadschikischen und internationalen Kollegen. Dafür danke ich ihnen allen von Herzen!

Meine Damen und Herren,

lassen Sie uns das Glas erheben auf das Wohl der Bundesrepublik Deutschland und auf die guten Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Tadschikistan!